Ein Mensch will reden

Ein Mensch will reden

Wann hat es angefangen? Seit wann wissen es die Anderen? Oder – haben sie es überhaupt schon gemerkt? Ist das alles relevant für seine Zukunft?
Jedoch? Ist das alles ganz anders?
Ist er noch gar nicht so alt, wie er sich jetzt fühlt?
Aber, was schleudert ihm sein Doppelgänger mit vehementer Wahrheit mitten in seine ansteigende Niedergeschlagenheit? Warum sagt ihm sein Gegenüber ohne Rücksichtnahme auf seine Gefühle, das seine Augenfalten nicht mehr sexy, sondern eher abstoßend wirken? Auch seine Lachfalten, die früher immer so gezielt bei der Damenwelt ankamen, hatten ganz plötzlich die Anziehungskraft der Erde entdeckt.
Edwin erkannte für einen Moment, im Spiegelbild Ebenezer Scrooge.

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Er zuckte zusammen. Seine blasse Gesichtsfarbe hob sich kaum von der weißen Badezimmerwand hinter ihm, ab. Der Spiegel zeigte ihm deutlich, auch ohne Brille, dass sein Zenit lange überschritten ist. Er wollte etwas zu sich selbst, in sein Antlitz sagen, doch seine belegte Stimme ließ nur ein leises Krächzen zu. ›Das ist ganz normal‹ dachte er bei sich, ›wenn man niemanden zum Reden hat, dann braucht man seine Stimme höchstens noch beim Einkaufen.‹
Allerdings hat er beim Betreten des hiesigen Einkaufszentrums noch nie das Gefühl gehabt, dass er zum Sprechen genötigt wird. Er wird nicht begrüßt, wenn er den Laden betritt, an der Kasse wird nur stur und emotionslos der erforderliche Betrag genannt, und ein Gruß zum Abschied stand wohl nicht im Arbeitsvertrag.
Aber es gibt ja noch das Internet – da erhält man meistens noch ein höfliches Dankschreiben für die getätigte Bestellung, und man braucht keine übergewichtige, schwitzende und schnaufende Kassiererin freundlich anzulächeln, um dann trotzdem einen arroganten Blick dafür zu bekommen.
Er ging zurück ins Schlafzimmer, und setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster. Seine Finger unternahmen schon automatisch die kleinen Bewegungen, um die Gardinen einen kleinen Spalt zu öffnen, und mit dem Blumentopf, in dem nichts ›Lebendes‹ mehr war, zu fixieren. Er spähte die Straße herunter, so weit er konnte.
window-500245_1280Sein Blickwinkel ließ allerdings nur ein paar Meter zu, ansonsten würde er von den vielen Passanten entdeckt werden. Obwohl – Keiner von den vorbeiziehenden Menschen hatte in den letzten zwei, drei Jahren, hier, zu seinem, nicht ganz einladenden, dunklen, Fenster im Parterre, gesehen. Er selbst dagegen, kannte sie alle. Jede Gestalt, der hier vorbei ging. Nein, nicht die Namen, aber wo wer wann hingeht, wo die Geschöpfe wohnen, was sie an Bekleidung anhaben.
Ja, er konnte sofort sehen, ob neue Schuhe, Mützen, Schals oder Jacken im Umlauf waren. Die Art, wie die Menschen gehen, wie sie sich bewegen, ob aufrecht oder gebückt, ob behäbig schlurfend oder gehetzt, konnte er mittlerweile einordnen. Dank seines Fernstudiums ›Psychologie für Anfänger – die Körperhaltung Teil 1‹.
Er weiß nicht, wie lange er seine Augen in Richtung Straße fixiert hatte, ein leichtes Rumoren in der Magengegend, sagte ihm, dass es Zeit zum Frühstücken ist. Ein leichter Anflug von Zufriedenheit huschte über sein Gesicht, als er merkte, dass die Tageszeitung, wie gewohnt, in seinem Briefkasten steckte. Er holte alle Utensilien, die er zur morgendlichen Mahlzeit braucht aus dem Kühlschrank, den Kaffee dazu, die Zeitung. Fertig. Nein, erst noch das Tuch von dem Papageienkäfig herunternehmen. ›Paul‹ sitzt noch auf der Stange. Alle Federn stecken noch in den richtigen Stellen, das Körnerfutter war fast aufgebraucht, das Wasser für den stillschweigenden Schwätzer ist klar und noch genug. Es scheint, alles ist in Ordnung.
Vermutlich gibt es nicht viel Neues im ›Städtchen‹. Der Lokalteil im Nachrichten-Blatt hat nur achtzehn statt, wie sonst, zwanzig Blätter. Der Reklame- und Inseraten-Teil macht auch wie gewohnt, den Großteil des Papierberges aus. Früher war seine Lese-Reihenfolge immer: Sport – Politik international – national – Sonderangebote – Todesanzeigen – lokales Blabla. Heute ist es genau umgekehrt. Also zuerst Blabla, dann den Rest. Die Sterbeanzeigen lässt er schon seit einer Weile weg. Warum sollte er sich merken, wer nicht mehr mit ihm spricht? Nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht mehr kann. Physisch.
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Er beginnt, wie immer, jedes Wort zu lesen. Jedes. Im Flüsterton liest er sich die gesamte Ausgabe vor. Sein Papagei hört ihm aufmerksam zu. ›Mein Gott‹, dachte Edwin, ›wo soll das hinführen? – Die Schreibfehler nehmen langsam Überhand! Schon zwei Fehler auf der ersten Seite, und sogar vier auf der nächsten. Anscheinend darf heutzutage jeder jeden Beruf ausüben, ob man ihn kann oder nicht. Was solls, das wird ja so von der Regierung vorgemacht. Da braucht man sich nur die Politikseiten durchlesen‹. Ihm sträuben sich die Haare und er schaut wiederum auf das Gedruckte, jedoch seine Gedanken schweifen ab. Er liest zwar die Buchstaben, allerdings halten seine Erinnerungen an die Zeiten, als er noch einen Freundes- und Bekanntenkreis hatte, nun seine Gedanken fest im Griff. Zweimal in der Woche hatte er sogenannte Diskussions-Runden mit mehreren Bekannten reihum zu Hause. Es ging immer um und über alles, worüber man diskutieren konnte. Demzufolge alles, was einem so einfiel. Irgendwie hatte sich das alles mit der Zeit zerschlagen. Erst wurde es unmerklich weniger, dann hatten immer mehr Dialogpartner keine bis gar keine Zeit mehr.
Irgendwie hatte er es schon kommen sehen, denn alle seine Freunde und Bekannten konnten und wollten es nicht zugeben, dass er meistens recht hatte. Immer. Er weiss eben alles, weil er so viel liest – und so!
Im Unterbewusstsein machen sich ein paar kleine, fiese Worte jetzt so richtig gewichtig: ›Neunmalschlauer und Klugscheißer!‹ Und sogar: ›Oberlehrer!‹
›Die können mich mal …‹
Sein Blick irrte ziellos im Zimmer herum und blieb auf seinem Telefon hängen. Nicht eines von den neuen, modernen, mit Tasten. Seins hatte noch eine Wählscheibe und war in einem dezenten Schwarz gehalten.
Er überlegte, wann er wohl das letzte Mal telefoniert hatte. Früher hatte er sehr viel Telefonate geführt. Auch nachdem die Diskussionsabende aufgehört hatten und er zum unbeobachteten Eigenbrötler wurde. Zu der Zeit hatte er noch den ganzen Tag das Radio laufen. Das Lokalradio. Der Sender war ganz gut. Die Musik war flexibel, also für Jeden irgendetwas. Und die Beiträge aus und um sein Nest herum waren interessant und bedeutsam. Irgendwann konnte man direkt ins Studio anrufen, quasi mitten in die Sendung. Dann wurde der Hörer live ins Studio geschaltet. Das war richtig aufregend. Anfänglich. Er hatte das Gefühl, ein gern gehörter Meinungsmensch zu sein. So einen, den man alles fragen kann und der auf alles eine Antwort hat. Die Leute vom Radio kündigten ihn immer an:«Hier ist wieder Edwin K. aus W., heute zu dem Thema: Was schützt überhaupt nicht vor Erkältung?«

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Ach – es gab so viele Themen, zu denen er etwas konstruktives beitragen konnte. Da war zum Beispiel die Umfrage, welches war Ihr teuerstes Schmuckstück, was Sie je sich erlauben konnten? Oder: Was sagen Sie zu der derzeitigen Steuerpolitik? Welche Pommes frites bevorzugen Sie: Die dünnen Herkömmlichen oder die dicken Holländer? Was ist der Renner in diesem Sommer in der Eisdiele? Finden Sie das Wetter auch zu windig? Und haben Sie nicht auch das Gefühl, dass es nachts nicht so dunkel ist, wie früher? Haben Sie persönlich genug Zeit, wenn genug Zeit für die Allgemeinheit verfügbar ist? Was verstehen Sie unter ´suboptimaler Freiheit´? Was ist der Unterschied zwischen ´gut´und ´teuer´? Dürfen Sonntagsfahrer auch montags fahren? Ist man dümmer als der Durchschnitt, nur weil der Durchschnitt von Professoren festgelegt wurde? Welche von den vier Schienen im Backofen ist die ´mittlere´? Er wusste auf alles eine Antwort. Alles. Da war sie wieder, die leise Stimme in ihm: ‹Klugschwätzer!‹ Irgendwann, als dieses moderne ISDN herauskam, wurde er plötzlich nicht mehr durchgestellt. Man konnte jetzt sehen, wer da anruft. »Da ist er wieder, der E. K. aus W.!« ›Weggedrückt!‹
›Ihr könnt mich doch alle mal … Ihr habt doch sowieso keine Ahnung!‹ Seine Mundwinkel hingen jetzt noch tiefer herunter. ´Scrooge´.
Er konzentrierte sich jetzt wieder darauf, wann wohl sein letztes Telefongespräch stattgefunden hat. Das muss wohl so vor zwei Jahren gewesen sein. Als er zwischen diesem Herzrasen und dem starken Klopfen im Kopf, plötzlich auf dem Fußboden aufwachte, weil ›Paul‹, der Papagei so einen Lärm gemacht hatte. Damals hatte er dann die Feuerwehr angerufen, weil er keine Rufnummer von irgendeinem Arzt hatte. Die bösen Menschen im Fernsehen telefonieren immer mit ´ihrem´ Anwalt oder ›ihrem‹ Steuerberater. Er selbst hatte noch nicht einmal einen Arzt.
Hatte er jemals irgendetwas Eigenes?
Plötzlich hatte er Szenen aus seiner Kindheit vor Augen. Er saß im Sandkasten. Mama holte ihn vom Spielen ab, und sie gingen mit Papa spazieren. Ein kleiner Welpe pisste in den Sand. Er hörte die Stimmen von seinen Eltern. Auch die Stimmen von seinen Geschwistern. Kurt und Helene. Helle Kinderstimmen. Onkel Karl und Tante Martha mit deren kleinen Fratz kamen leicht verschwommen ins Bild. Er sieht Felder, Wälder und grüne Wiesen. Er hört in der Ferne ein intensives Vogelgezwitscher. In seiner Nähe summen Bienen, während sie im Blütenstaub von Sonnenblumen duschen. Der Bach plätschert leise über die schneeweißen Kiesel. Die grün-blau schillernden Libellen vollführen waghalsige Loopings und andere Kunststücke über den Köpfen der staunenden Frösche, die noch die schönste Zeit des Jahres vor sich haben: den Aufbruch der Zugvögel, also auch die Störche. Edwin blickte zum Himmel. Nichts. Keine Wolke. Absolut nichts – Ruhe.
Plumps! – und: Platsch!
Paul ist von der Stange gefallen. In Edwins, mittlerweile kalten Kaffee.
›Er ist vermutlich auch eingeschlafen‹, denkt er. ›Gute Nacht, Paul!‹
›Wieso eigentlich: AUCH eingeschlafen?‹
Wer schläft denn noch? Ist der Mensch in der Lage, während des Traumes festzustellen, dass er schläft? Ja! Er kann!
Edwin reißt es – und, er sitzt jetzt Senkerecht im Bett.
Mein Gott, welch ein Albtraum. Das Herz rast ein wenig. Schweiß auf der Stirn. Die rechte Hand kribbelt. Das tut sie immer, wenn er diese unter seinem Kissen eingeklemmt hat, bevor er wach wird. Er merkt, dass auch sein linkes Bein etwas verdreht ist. Es ist etwas Schummeriges in seinem Hirn. Es heißt: Wenn du zu schlecht geträumt hast, dann hast du vorher zu gut gelebt (Quelle: unbekannt). Der Mund ist staubtrocken. Vielleicht sollte er sich doch angewöhnen, mit geschlossenem Mund zu schlafen. Heute ist Dienstag. Nein Mittwoch. Ist doch egal. Ein Blick zu Uhr: Es ist noch Zeit, der Weckalarm geht erst in zehn Minuten los. ›Was habe ich nur wieder Fürchterliches geträumt?‹ Er erinnert sich nur dürftig. Ihm kommt noch ein bescheidenes Bild von einem Kanarienvogel oder Kakadu in den Kopf, und, dass er mit irgend Jemanden reden wollte – oder musste. Aber mit wem und was?
Egal – Jetzt hoch und ab zur Arbeit. Er geht gerne dorthin, arbeiten: Dort kann er auch heute wieder seine exzellente Rhetorik anbringen.
Im Callcenter.
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