Ein Mensch und Stille

Ein Mensch und Stille

Viertel nach fünf. Das Telefon schreit ihn noch mal an. Die Nackenhaare sträuben sich. Er überlegt kurz, ob er noch mal ran geht. Das Display zeigt ihm eine unbekannte, auswärtige Nummer. ›Wenn´s wichtig ist, einfach mal früher anrufen!‹ Feierabend war schon vor 45 Minuten. Heute spinnen die alle wieder im Büro. ›Abends werden die Faulen fleißig‹. Wieso stimmen die meisten deutschen Sprichwörter? Nein, er geht jetzt nicht mehr an das Terror-Telefon. Er geht nach Hause. Edwin hat noch ungefähr zwölf Kilometer bis zu seiner Wohnungstür. Feierabendverkehr, Freitag, diesiges Regenwetter, da kann er mit circa vierzig Minuten rechnen. Wenn da nicht sein Spezial-Kollege Thorsten wäre. Kurz vor der Zeitnahme, im Treppenhaus vom Bürotrakt, als ob er ihm aufgelauert hätte: »Warte mal Edwin, ich hab´da noch ´ne kurze Frage, wegen dem Liefertermin für den Kunden Fischer, dauert nur ´n Moment.« Ohne stehen zu bleiben, erwiderte Edwin: »Schau mal auf die Uhr, Thorsten, Ich bin gar nicht mehr hier. Du siehst mich nicht. Mit wem redest Du eigentlich? Selbstgespräche? Was sagt Dein Psychiater dazu? Erzähl es mir am Montag!« Dann fügte er noch »Schönes Wochenende!«, hinzu. Sprachlos, nach Luft schnappend wie ein Karpfen bei Vollmond, blieb sein Kollege wie angewurzelt stehen. Edwin änderte an dieser Situation nichts. Er ließ ihn im Treppenhaus zurück. Ihn amüsierte dieser skurrile Anblick und lächelte in sich hinein, ging einfach weiter, und versuchte die Gedanken über die Arbeit hier zurückzulassen. Dieser Vorsatz bleibt allerdings meistens bei dem Versuch.
Irgendwie ist Edwin vor seiner Wohnungstür angelangt. Er weiß jetzt nicht mehr, was ihn alles während der Autofahrt durch den Kopf gegangen ist. Auch, kann er sich nicht an irgendeine Verkehrssituation während der letzten halben Stunde erinnern. Sein Körper hatte auf ›Automatik‹ geschaltet. Sein Unterbewusstsein hatte ihn ›ferngesteuert‹. Es gingen ihm tausende, nein, abertausende von Gedanken, die nichts miteinander zu tun hatten, durch die unergründlichen Tiefen und Windungen seines Gehirns. Seine Umwelt müsste eigentlich ein Rauschen, das seinen Kopf verlässt, hören können.blue-1239010_640
Er muss jetzt ›runterkommen‹. Abschalten. Ruhe. Innere Gelassenheit. Ja – einfach nur Stille. Edwin zieht sich nach dem duschen ein paar besonders bequeme Sachen an, und setzt sich in seinen Ohrensessel, den er aus dem Nachlass von Onkel Edgar gerettet hatte. Der leicht muffige Geruch, der so alten Möbeln anhaftet, störte ihn nicht besonders. Er erinnerte ihn an seine Kindheit. Wenn er Oma besucht hatte.
Er hatte vor ein paar Tagen einen Schnupperkurs an der Volkshochschule teilgenommen. ›Meditieren für Anfänger‹. Das wollte er jetzt umsetzen. Das heißt, dass was er davon noch weiß. Viel war da nicht mehr. Irgendwas mit ruhig sitzen und ruhig atmen. Das kann doch nicht so schwer sein. Also: Gerade hinsetzen, ein wenig bequem natürlich. In die Ferne sehen. Das kann er, das macht er doch immer, wenn er nachdenkt. Und jetzt soll er …

Weiter geht’s in meinem neuen Buch ab November 2016