Ein Mensch schreckt hoch

Ein Mensch schreckt hoch
Mit leicht fadem Geschmack und getrübtem Blick ging
Edwin schnurstracks auf den Laternenpfahl zu. Es lag
überall Schnee. Der Wind blies gleichzeitig von vorne und
hinten. Also nichts Ungewöhnliches. Es ist schon
Nachmittag. Der Zeitmesser über dem Bäckerschaufenster
zeigt 38:72 Uhr. Er hatte also noch reichlich Zeit und freute
sich, dass es in der ganzen Stadt so gefällig war. Eine
Melodie eilte ihm voraus. Man musste immer der Weise, die
man mag, hinterher eilen, damit man die Bonus-Kekse
bekommt. Er hatte noch nie einen Solchen bekommen. Die
Melodien sind plötzlich immer weg. Immer. Die Menschen,
denen er begegnete, kannte er nicht. Das heißt, er weiß
nicht, ob er sie kennt. Denn er kann ihre Gesichter nicht
sehen. Die sind entweder verschwommen oder überhaupt
nicht vorhanden. So, als wenn man mit offenen Augen in
eine, mit Wasser gefüllte Badewanne auf den Grund blickt.
Natürlich mit Kopf unter Wasser. Das ist ihm schon eine
Weile aufgefallen. Vorhin zum Beispiel, als er aus dem
Geschäft für Schaf- und Ziegenzubehör kam. Da hatte er
auf die letzte Möglichkeit gehofft, an ein günstiges
Schlitten-Sitzkissen für seine Angora-Schildkröte zu
kommen. Leider vergeblich. »Es ist ´grad nicht die Zeit
dafür – und in brauner Farbe, schon gar nicht«, meinte der
sympathische, gesichtslose Verkäufer.
Edwin fühlte einen derben Stoß an seiner rechten Schulter.
Er wirbelte seinen Kopf herum und starrte auf einen
hübschen Hinterkopf. Er wollte unbedingt diesen Kopf von
vorne sehen, also drehte er sich zügig, während er an der
Frau vorbei ging, nach rechts um. Er kam auf dem glatten
Schnee mit seinen neuen karierten Papier-Sandalen ins
Rutschen. »Scheiß Billigmarken!«, fluchte er.
Gong!!! Es war so ein Gong, wie früher im Kino, wenn der
Hauptfilm beginnen sollte, nur lauter und sehr hart.
Laterne! – hart. Ohnmacht.
Edwin blinzelte ganz leicht, während der Schmerz in
seinem Kopf und an seiner Schulter an Intensität zunahm.
Er versuchte, die Augen aufzureißen.
Wo war er? Wo war die Frau? Der Schnee war weg und er
hatte nur seine Unterhose an. Sein Blick erkannte in ca. zwei
Zentimeter Entfernung hellbeige Fusseln von einem
gleichfarbenen Bettvorleger. Etwas weiter entfernt machte
er einen flachen Karton unter einem Bett aus, auf dem
›Schals und Mützen‹ geschrieben stand. Es war sein Karton.
Es war sein Bettvorleger. Er war mal wieder aus seinem
Schlafmöbel gefallen.
Er sortierte seine Gliedmaßen und stand vorsichtig auf.
Nichts gebrochen – nichts verstaucht. Wie spät ist es? Wo
ist sein Wecker? Der Nachttisch ist bis auf den Krimi und
der Lampe, leer. Er riss seinen linken Arm hoch, um auf
seine Uhr zu sehen. Der Arm ist ›blank‹. Die Uhr hatte
schon seit vier Tagen den Geist aufgegeben; Batterie leer.
Sonderformat – nicht so schnell zu bekommen. Er stolperte
über seine Hausschuhe, konnte dennoch einen Sturz
vermeiden. Plötzlich kam alles auf einmal: Es ist Februar –
durch die Übergardinen kommt Tageslicht – Ich habe
verschnarcht!
›Meine Güte‹, schoss es ihm durch den Kopf, ›wie konnte
das denn nur wieder passieren?‹ Edwin war gestern Abend
noch kurz in seiner Lieblings-Bar aufgetaucht. Ganz kurz.
Nur für ein paar Minuten. Also, so von 18 bis 23 Uhr –
ungefähr. Da waren doch plötzlich diese beiden Grazien. Sie
seien Schwestern, behaupteten sie. Das hatte er beinahe
geglaubt, denn die eine war so ein Anita-Eckberg-Typ, die
andere erinnerte ihn schwach an Mireille Mathieu. Die eine
sprach mit süddeutschem, die andere mit polnischem
Akzent. ›Ganz klar: Schwestern!‹ Er sagte sich immer:«Alles
ist möglich«, und erinnerte sich an den Film ›Zwillinge‹, mit
Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito. Vielleicht hatte
er sich einen Virus geholt, weil er bei den lustigen Spielchen
mit Gläser-, Namen-, Sitzplatz-, Erdnussschälchen und
Telefonnummern-Vertauschen gefährlich nahe an
Knutschzonen kam. Er weiss es nicht mehr genau. Aber die
Vergangenheit hatte ihm gezeigt, dass er in diesen Sachen
immer ›eisern‹ war. Er erinnerte sich, dass er gegen halb
zwölf, Alleine zu Hause war, und noch Spätnachrichten
gesehen hatte; im Tequila-Rausch. Vermutlich.
Wahrscheinlich. Bestimmt. Er suchte seine Geldbörse, und
zählte seine momentanen Bargelder. Vierzig, Er hatte also
gestern so um die Einhundertzehn Euro entmaterialisiert.
Whodini lässt grüßen.
Das, mit dem Tequila, muss aufhören. Während der
Woche. Das ist zu teuer.
Es hilft alles nichts – Er hat verpennt und muss sich
sputen, damit er noch halbwegs, vielleicht merkt es ja keiner,
vor der Mittagspause zur Arbeit kommt.
Raus aus dem Schlafzimmer, rechts rum in den Flur, rein
ins Bad. ›Au!‹. Die Schulter tut ihm immer noch weh. Von
Schubsen der Frau – vor dem Laternen-Gong. Er sollte die
Badezimmertür demnächst ganz aufmachen. Man kann
heutzutage ganz leicht anecken. Dazu braucht man keine
andere Traumfrauen.
Der Mensch in dem Kasten mit der glatten Scheibe in
Gesichtshöhe über dem Waschbecken sah angsteinflößend
aus. …

(Mehr davon in meinem neuen Buch. Ab November 2016)